Naturschutz auf Rügen

Rügen ist etwas Besonderes. Durch ein vielfältiges Mosaik an Landschaftsformen und Lebensräumen in einer historisch gewachsenen Kultur-landschaft ist die Insel einmalig im südlichen Ostseeraum. Vertreten sind fast alle Landschaftsformen des Jungpleistozäns, erdgeschichtlich ältere Gesteinsformationen (Kreide- und Tonschollen) und nahezu alle Küstenformen Nirgendwo sonst ist auf vergleichbarem Gebiet die Durchdringung von Land und Wasser (Boddenlandschaft) so stark, gibt es so viele Buchten und Halbinseln. Das Vegetationsspektrum reicht von weiträumigen Acker- und Grünlandflächen, Wäldern, Brackwasserröhrichten und Salzrasen über Niedermoorriede und Quellfluren, Kessel- und Verlandungs-zwischenmooren sowie Kalkquellmoore, Sumpf- und Bruchwälder bis zu Hangwäldern und Wäldern trockenwarmer Standorte, Heiden, Sand-mager-und Halbtrockenrasen.

Diese Einmaligkeit von Landschaft und Naturausstattung hat dazu geführt, dass etwa 65% der Landfläche Rügens unter gesetzlichen Schutz steht:
2 Nationalparks, 1 Biosphärenreservat, 23 Naturschutzgebiete, 4 Landschaftsschutzgebiete, 22 Geschützte Landschaftsbestandteile (Flächen-naturdenkmale) sowie 14 Landschaftsteile für das Europäische Schutzgebietssystem NATURA 2000 (FFH- Gebiete, EU- Vogelschutzgebiete). Rund 140 Einzelobjekte- Bäume und Findlinge- sind als Naturdenkmal ausgewiesen. Nicht zu vergessen die gesetzlich geschützten Biotope, von denen etwa 9.400 registriert sind. Hinzu kommen rund 120 geschützte Geotope (Findlinge, Hakenbildungen, Trockentäler, Kliffs).

Das Nationalparkprogramm der DDR legte den Grundstein für die Festsetzung der Nationalparke „Jasmund“ und „Vorpommersche Boddenlandschaft“ sowie für das Biosphärenreservat „Südost- Rügen“. In diesen sogenannten Großschutzgebieten wird nicht nur Natur konserviert und gepflegt. Öffentlichkeitsarbeit wird groß geschrieben, denn Gäste wie Einheimische sollen über die Schutzziele aufgeklärt und an die Natur herangeführt werden. Zu den Angeboten gehören Führungen zu Kranichschlafplätzen auf Westrügen, durch herrlichen Buchenwald zu Mooren und zur Kreidesteilküste im Nationalpark Jasmund, über das Mönchguter Hügelland oder weniger bekannten Zielen, wie die Halbinseln Bug und Bessin. Geschulte Mitarbeiter der Reservatsverwaltungen und aus Naturschutzverbänden erledigen diese Aufgabe.

Bekannt ist Rügen auch wegen seiner schönen und einmaligen Alleen. Eindrucksvoll prägen sie das Landschafts-   und Ortsbild, sind Teil der Vielfalt dieser Insel. Sie säumen als Altbestände (Pflanzung vor 1990) rund 270 km Straßen und Wege. Einige davon wurden vor fast 200 Jahren angelegt. Leider geht es vielen Alleebäumen schlecht. Insbesondere Beeinträchtigungen durch Verkehrssicherungsmaßnahmen (z.B. Lichtraumprofilschnitt, Fahrbahnverbreiterungen, Tausalzaufbringung) überstehen viele Alleebäume nicht. Sie kränkeln vor sich hin und sterben schließlich ab oder werden vorzeitig gefällt, damit der Verkehr sicherer läuft. Altersschwäche und Schädlinge tun ein Übriges. Die Neupflanzung von Alleen und Baumreihen ist daher ein Schwerpunkt des Alleenschutzes, damit langfristig ein Natur- und Kulturerbe nicht verloren geht. So wurden seit 1990 etwa 23.000 neue Bäume an 183 km Straßen und Wegen auf der Insel gepflanzt. Doch auch hier zeigen sich vielerorts Lücken, weil die erforderliche Pflege fehlt

                        Krimlindenallee zwischen Kasnevitz und Garz                      Hainbuchenallee bei Darsband  

Landschaftspflege und Renaturierung sind fester Bestandteil von Naturschutzaktivitäten auf der Insel. Damit die bekannten Steinfelder in der Schmalen Heide nicht zuwachsen, müssen hier ständig Gehölze entfernt werden. Auch der Erhalt der Dünenheide auf der Nachbarinsel Hiddensee ist ein Kampf gegen die Verbuschung. Im Rahmen eines Naturschutzgroßprojektes wurden und werden natürliche Überflutungsräume wiederhergestellt, dazu Deiche geöffnet und Schöpfwerke stillgelegt. Beispielhaft seien hier die Polder Neuensien und Freetz, die Ossen- Niederung sowie die Mellnitz-Üselitzer Wiek genannt. Die Wiederherstellung des Nonnensees vor den Toren der Stadt Bergen ist ein gelungenes Beispiel kooperativer Zusammenarbeit zwischen Naturschützern, Nutzern und der Öffentlichkeit.

Rügens Tourismuswirtschaft wirbt mit der Natur. Um sie langfristig in ihrer Vielfalt zu erhalten, geht es nicht ohne Einschränkungen und Rücksichtnahme. Veränderungen in der Pflanzen- und Tierwelt haben sich ohnehin bereits eingestellt. Durch globale Prozesse, aufgelassene oder weiter intensivierte Nutzungen, durch Störungen. Sorgen machen beispielsweise die Veränderungen auf kleinen Inseln zwischen Rügen und Hiddensee. Einst Eldorado für viele Küstenvögel. Seit Jahren werden es weniger: Lachmöwen, Seeschwalben, Enten, Watvögel. Fehlende Beweidung, Prädatoren (Fuchs, Marderhund), Störungen durch erhöhten Bootsverkehr und Surfer sind mögliche Ursachen des Negativtrends. Nach wie vor sehr wohl fühlen sich dagegen Kormorane, Schwäne und Silbermöwen. Abgenommen hat die Zahl durchziehender Wildgänse auf der Insel, weil Rastplätze im Binnenland offensichtlich an Attraktivität gewinnen. Rückläufig ist der Bestand des Weißstorches Es gibt aber auch erfreuliche Entwicklungen. Der Seeadler hatte noch nie einen so hohen Brutbestand. So wurden 2013 über 30 Brutpaare gezählt. Auch der Kranich brütet inzwischen auf der Insel. Kegelrobben und Seehunde werden wieder an Rügens Küsten gesichtet. Tendenz steigend.

Naturschutz auf Rügen geht nicht ohne Engagement all derjenigen, die für den Erhalt der Schönheit und Vielfalt auf dieser Insel beitragen wollen: Behörden, Institutionen, Verbände und vor allem die ehrenamtlich tätigen Bürgerinnen und Bürger, die einzeln oder in Vereinen/Verbänden/Bürgerinitiativen ihre Freizeit und ihren Fachverstand dazu einbringen.