Chronik

Zur Geschichte des Verbandes INSULA RUGIA

Von Frieder Jelen und Dr. Peter Meißner

Die Vorgeschichte

Jede Geschichte hat auch eine Vorgeschichte, beispielsweise die geschichtlichen Bücher der Bibel, ob im Alten oder im Neuen Testament. Die sind allerdings wegen ihrer zeitlichen Ferne des Urgeschichtlichen oder ihrer religiösen Perspektive nur  mythologisch zu fassen.

Mit solcher Qualität ist die Vorgeschichte von INSULA RUGIA nicht vergleichbar. Sie ist nicht ganz so fern, nur etwa 25 bis 20 Jahre her. Die Zeitzeugen leben noch. Dennoch ist diese geringe zeitliche Ferne dem Historiker ein Gräuel, weil ihm die tagebuchartige Genauigkeit fehlt. Jedoch ist die geschichtsphilosophische Frage bekannt, ob nicht die Geschichte aus  Geschichten erwächst.

Eine Vor-Historie ist hier nicht am Platz, genauso wenig wie die Geschichten, die ich gerne erzählen möchte, vielleicht mal im RUGIA Rügen-Jahrbuch. Hier kann ich nur Stichworte geben.  Frieder Jelen

Von 1985 bis 1987 formierte sich in Middelhagen auf dem Mönchgut ein Umweltaktiv, nicht wie andernorts in der DDR unter den Dächern der Kirchen, sondern – um nicht als kirchliche Opposition abgestempelt und von vornherein in die praktische Wirkungslosigkeit abgedrängt zu werden–beim Rat der Gemeinde.

Da haben der damalige Bürgermeister und die Mitglieder des Aktivs – ein Querschnitt unserer Bürger, Fischer, Bauern, Handwerker, Gastronomen und ein Pfarrer-Mut gezeigt. Weltanschaulich und politisch war die Gruppe gemischt, auch SED-Genossen waren dabei. Dieses Aktiv besah und diskutierte die örtlichen und regionalen Missstände, unterbreitete Vorschläge zu ihrer Beseitigung, schrieb Briefe an den Bezirk oder den DDR-Umweltminister und wurde praktisch tätig, etwa bei der Müllberäumung oder der Gewinnung von Erkenntnissen über die Qualität unserer Gewässer.

Einige der Hauptursachen, um aktiv zu werden, stellten die desolaten Verhältnisse um die Mülldeponie oder die offenen Fäkaliengruben, im Volksmund die „Reddevitzer Nachttöpfe“ genannt, oder die Pläne für eine Baggergutdeponie am Gagerschen Fischereihafen dar. Die Müllkippe wurde in einer noch genutzten Kiesgrube betrieben und zog Verschmutzungen bis zum Göhrener Dreieck nach sich. Hier organisierten wir einen Großeinsatz zur Beräumung des weitläufigen Umfeldes. Großartig war, dass die LPG Technik bereitstellte, dass sich der Schulleiter von Göhren mit seinen Schülern beteiligte sowie die Umweltamtsmitarbeiterin, die nach der Wendegrüne Landrätin wurde.

Diese Maßnahme war praktisch erfolgreich, aber politisch „gefährlich“, was sich bei der Abschlussfeier für diese besondere Aktion zeigte. Auf dem Fliegerberg saßen wir in getrennten Grüppchen. Es war für den einen oder anderen nicht opportun, sich neben den Pastor, den Vorsitzenden des Umweltaktivs zu setzen. Er durfte übrigens nicht lange Vorsitzender bleiben. Dafür hatte die SED-Kreisleitung gesorgt. Der Bürgermeister bat darum, den Vorsitz an einen Genossen abzutreten. Nun ja, als stellvertretender Vorsitzender konnte der Pastor genauso aktiv bleiben.

In den Winterhalbjahren organisierten wir Vortrags-und Gesprächsabende zu Umwelt-und Heimatthemen, die in der Regel im„ Walfisch“ von Lobbe stattfanden. Das Interesse der Bürger war riesengroß. Es ging um Themen wie die veränderte Wasserqualität im Greifswalder Bodden, die sich unter anderem aus dem Rückgang der Rotalge ergab, verursacht von der Kühlwassereinleitung des AKW in Lubmin.

Als wir Sebastian Pflugbeil, Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften in Berlin, einluden, um uns über das Sicherheitsrisiko des AKW zu berichten, mussten wir, weil der „Walfisch“ zu klein wurde, in einen größeren Saal vor Ort wechseln. Jetzt war die Besucherschaft mit entsandten „Fachleuten“ und Beobachtern durchmischt. Interessierte und besorgte Bürger kamen von der ganzen Insel und vom Festland nach Lobbe. Eine der häufig gestellten Fragen war, was der Fluchtplan für den Fall eines Supergaus aussage (er soll vorgesehen haben, weit weg, nach Dranske zu eilen).

Mittlerweile gab es eine Interessengemeinschaft für Umweltschutz im Raum Barth, die ein Arzt der Reha-Klinik von Bad Sülze erkämpft hatte. Eingebunden waren wirtschaftliche, kommunale und politische Leistungsträger unter dem Dach des Kulturbundes. Wie sollte sonst auch wirksam Abhilfe wie bei der Eutrophierung des Barther Boddens durch Landwirtschaft und Zuckerfabrik geschaffen werden! Nach diesem Muster sollte nun auch eine „Interessengemeinschaft für Umwelt- und Landschaftsschutz Mönchgut“ arbeiten, gemeinsam mit den Verursachern von Schäden und Belastungen. Heute kann man das mit dem Öko-Audit, der Selbstkontrolle der Wirtschaft unter der Aufsicht der Behörde, vergleichen. Zwei Jahre haben die Bemühungen gedauert, bis es zu einem entscheidenden Gespräch mit dem allgewaltigen 1. Sekretär der SED-Kreisleitung kam. Dann ging alles ganz schnell. Wir bekamen für die Gründung solch einer Interessengemeinschaft grünes Licht. Die Gründungsveranstaltung wurde für den 15.12.1989 anberaumt. Doch davor lag der 9.November 1989.

Zusammen mit der Berliner fielen noch ganz andere Mauern. Jetzt wollten wir nicht nur für das Mönchgut tätig werden, sondern für die ganze Insel mit den Möglichkeiten eines freiheitlichen Rechtsstaates. So hat dann eine ganz neue Gruppe (um den damaligen Kern des Middelhagener Umweltaktivs) eine Vereinsgründung vorbereitet, die eine umweltgerechte Entwicklung der Insel Rügen zum Ziel haben sollte. Dies ist gelungen, wenngleich andererseits unserer Insel eine Organisation gut täte, die – wie 1989 für das Mönchgut fast verwirklicht– eine mit den Leistungsträgern der Wirtschaft und den Verwaltungen in Kreis und Gemeinden vernetzte, beispielhafte und „nachhaltige “Entwicklungsarbeit vornehmen könnte, die von einem gemeinsamen Leitbild geprägt wäre. Dieses Hoffnungsbild ist in der „Vorgeschichte“ mit enthalten und keineswegs „nur“ in mythologischer Form.

Die Verbandsgründung

Zur Gründungsversammlung des neuen Vereins am 23.Juni1990 wurden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Insel, Kommunalpolitiker, Künstler, Wissenschaftler, Lehrer und Personen, von denen man annahm, dass sie eine Vereinigung, die sich dem Schutz der natürlichen Umwelt Rügens sowie der Pflege und der Entwicklung der Insel widmet, unterstützen könnten, in das Jagdschloss Granitz eingeladen. Vor den rund 80 Versammlungsteilnehmern erläuterte Frieder Jelen den Zweck und die Ziele des zu gründenden Vereins, Dr. Hans Dieter Knapp schilderte die Probleme des Landschafts- und Naturschutzes auf Rügen und leitete aus ihnen Aufgaben ab, mit denen der Verein zu ihrer Lösung beitragen könnte. Abgesehen von einigen wenigen skeptischen oder kritischen und sogar konsequent ablehnenden Stimmen war die Haltung der Versammelten zu den vorgetragenen Vereinszielen optimistisch zustimmend, 25 von ihnen unterzeichneten die Gründungsurkunde des Vereins. Anschließend konstituierte sich der Vereinsvorstand, der bis zu einer regulären Wahl durch eine in Jahresfrist einzuberufende ordentliche Mitgliederversammlung die Leitung des Vereins übernehmen musste. Am 30.7.1990 erfolgte die Eintragung des Vereins unter der Bezeichnung „INSULA RUGIA–Verband zum Schutz, zur Pflege und zur Entwicklung der Insel Rügen e.V.“ mit der Registriernummer 51 in das Vereinsregister beim Amtsgericht Bergen; damit war er juristisch legitimiert. Als Sitz des Verbandes galt zunächst Middelhagen, wo Frieder Jelen als Pfarrer wirkte, mit der Eröffnung der Geschäftsstelle am 1.August 1990 wurde das Jagdschloss Granitz Verbandssitz (seine stilisierte Darstellung nach einem Entwurf Hans-Dieter Bartels ist noch heute das Signet des Verbandes).

Jagdschloss Granitz - Eingangshalle

Jagdschloss Granitz – Eingangshalle

Jagdschloss Granitz

Jagdschloss Granitz

Die ersten zehn Jahre

Auf der 1.ordentlichen INSULA-RUGIA-Mitgliederversammlung am 11. und 12.Mai 1991 im Nobis-Hotel im Ostseebad Binz konnte der Verband bereits auf eine Reihe erster Erfolge und erfolgversprechender Initiativen zurückblicken: mit Grundsatzerklärungen (unter anderem zur Schaffung einer „Modellregion Rügen“), Stellungnahmen und Kommentaren hatte sich der Verband in das in jenen Tagen turbulente und nur schwer zu überblickende Planungsgeschehen eingemischt, die Zahl der Mitglieder war auf über 200 angewachsen und stieg weiter. Hauptaufgaben der Mitgliederversammlung waren die Wahl eines Vorstandes und der Beschluss einer Verbandssatzung, die die vorläufige Satzung von 1990 ablösen sollte.

Das Nichtvertrautsein mit den nunmehr anzuwendenden Regeln des Vereinsrechts führte zu einer erregten Diskussion über Inhalt und Form der Vereinssatzung und über den in ihr zu formulierenden Zweck des Vereins (ihre endgültige Fassung wurde von der 3. ordentlichen Mitgliederversammlung am 13.5.1993 beschlossen).

Bei der Diskussion über die Satzung zeigte sich, dass es wünschenswert wäre, die Verbandsziele, die in einer Satzung zwangsläufig nur allgemein formuliert werden können, detailliert darzustellen und in einer Absichtserklärung zusammenzufassen. Ein entsprechender Entwurf lag bereits Ende Mai 1991 vor; nachgeringfügigen Änderungen wurde die Absichtserklärung vom Vorstand einstimmig verabschiedet und ist für die Arbeit des Verbandes nach wie vor verbindlich. In der zweijährigen Amtszeit des neuen Vorstandes entwickelte der Verband eine Vielzahl von Aktivitäten, von denen hier nur die wichtigsten bzw. langfristig wirksamen erwähnt werden sollen:

•Kontaktaufnahme zu Institutionen und Vereinigungen, die den Verbandszielen von INSULA RUGIA ähnliche Zielstellungen vertraten. Dazu gehörten unter anderem die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, die Naturschutzorganisationen Nabu, BUND und WWF so wie der Erste Rügensche Kunstverein. Mit dem Tourismusverband Rügen und der in Neuruppin ansässigen Schinkel-Gesellschaft wurde die gegenseitige Mitgliedschaft vereinbart. INSULA RUGIA wurde Mitglied im Deutschen Naturschutz-Ring und verstand sich als Förderverein für das Biosphärenreservat Südost-Rügen und den Nationalpark Jasmund.

• Vorbereitung der Bildung einer Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft, die 1992 gegründet werden konnte und sozusagen eine INSULA-RUGIA-Tochter ist.

•Beteiligung an der Gründung der vom ADAC, der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und von Fremdenverkehrsverbänden initiierten Arbeitsgemeinschaft „Deutsche Alleenstraße“.

•Herausgabe eines Almanachs in der Tradition des Rügener Heimatkalenders (1993 bis 1995 „RügenerHeimatkalender.Neue Folge“, 1996 bis 2002 „RUGIA-Journal“, seit 2003 „RUGIA Rügen-Jahrbuch“). Dieser Almanach ist unter den zahllosen Publikationen, die zum Thema Rügen auf den Markt kommen, aufgrund der Qualität der Beiträge und seiner hervorragenden Aufmachung eine Ausnahmeerscheinung.

•Herausgabe einer Mitgliederzeitung. Die erste Ausgabe erschien im April 1992, ab Nr. 2 –erschienen im August 1992– trägt die Publikation den Namen „Der KreideKreis“.

*Rekonstruktion der historischen Wegweiser im Bereich der Herrschaft Putbus. Die in den 1830er Jahren errichteten charakteristischen Wegzeichen waren zum größten Teil zerstört worden oder abhanden gekommen; die Wiedererrichtung von16 von einst vermutlich 24 Objekten ist vor allen Dingen das Verdienst von Henry Gurski.

•Bildung von Arbeitsgruppen (Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, Natur-und Umweltschutz, Kultur und Bildung Geschichte) und Ortsgruppen. Leider hatten die meisten dieser Gruppen nur kurzen Bestand, ihre Wirksamkeit innerhalb des Verbandes war begrenzt, nach außen kamen sie kaum zur Geltung. Eine Ausnahme ist die im September 1992 gegründete Ortsgruppe Berlin, die seither die Verbandsarbeit immer wieder mit konstruktiven Ideen, konstruktiver Kritik und zahlreichen Beiträgen bereichert.

• Übernahme von durch die Bundesanstalt für Arbeit ausgeschriebenen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM). Mit einer kleinen ABM-Gruppe im Rahmen des Projekts „Arbeiten und Lernen“ begann es im August 1992, bald aber wurden weitere, zum Teil recht umfangreiche Maßnahmen gestartet. Ihr Aufgabenspektrum reichte von der Betreuung behinderter Menschen über Pflege-und Erhaltungsarbeiten in Schutzgebieten und anderen sensiblen Bereichen bis zur vollständigen Erfassung und Katalogisierung der Bau-und Bodendenkmäler auf der Insel. Der verwaltungstechnische Aufwand bei der Organisation der Maßnahmen und bei der Betreuung der ABM-Kräfte – zuweilen waren es mehr als 200 gleichzeitig Beschäftigte – ließen es sinnvoll erscheinen, diesen Teil der Verbandsarbeit einer eigens dafür ausgegründeten INSULA-RUGIABeschäftigungsgesellschaft zu übertragen, deren hauptamtliche Mitarbeiter – durchweg hochmotivierte Verbandsmitglieder – von der Bundesanstalt für Arbeit besoldet wurden. Insgesamt wurden bis zur Auflösung dieser Beschäftigungsgesellschaft infolge Umstrukturierung der Bundesanstalt für Arbeit im Jahre 2002 über 2.000 ABM-Kräfte eingesetzt und betreut.

Die vom Verband in zahlreichen Publikationen, Stellungnahmen und Erklärungen vertretenen Positionen sowie die sich schon in den ersten Jahren abzeichnenden Erfolge seiner zielstrebigen Arbeit blieben nicht unbeachtet. Besondere Aufmerksamkeit erlangte INSULA RUGIA durch eine Fernsehreportage des Bayerischen Publizisten Dieter Wieland. Diese Reportage, die neben einer im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen gehende Schilderung der Insel und ihrer Probleme auch ein Interview mit dem Verbandsvorsitzenden Frieder Jelen umfasste, wurde unter dem Titel „Rügen. Topographie einer Insel“ von mehreren öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten gesendet. Der auf diese Weise bekannt gewordene engagierte und nachhaltige Einsatz für ein Entwicklungskonzept für die Insel Rügen veranlasste die IKEA-Stiftung ihren mit 50.000 DM dotierten Umweltpreis 1992 dem Verband INSULA RUGIA zuzuerkennen, die Preisverleihung fand am 18.September 1992 in der Kirche zu Middelhagen statt.

 

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Verleihungsurkunde Preis der IKEA-Stiftung

Verleihungsurkunde Preis der IKEA-Stiftung

das kosten), um von der Landesregierung Niedersachsen die Zustimmung zum Ausbau der Werft am Standort Freilich ernteten die so belohnten Verbandsaktivitäten nicht nur Zustimmung, sondern stießen sehr oft auf mehr oder weniger deutlichen Widerstand sowohl in Kreisen der Politik als auch der Wirtschaft. Das wurde besonders deutlich in Fällen, in denen INSULARUGIA eindeutig e und ebenso grundsätzliche Positionsbestimmungen im Prozess der Entwicklung der Insel einnahm und die Fragwürdigkeit der von einigen Politikern und Investoren betriebenen, meist mit der Schaffung von Arbeitsplätzen begründeten Projekte nachwies („Arbeitsplatzvernichtung durch Pfarrer Jelen?“ titelte ein Anzeigenblatt). Das zeigte sich besonders deutlich im Gerangel um die Etablierung der Meyer-Werft in Mukran. Die Befürworter des Vorhabens sahen darin eine großartige Gelegenheit zur Industrialisierung Rügens und damit zur dauerhaften Beschäftigung tausender Rüganer – ohne dabei allerdings zu bedenken, dass die Errichtung einer Großwerft auf Rügen wegen der Limitierung der Schiffsbaukapazitäten durch die EU-Kommission nicht nur die Schließung anderer Werften in Mecklenburg-Vorpommern–zum Beispiel der Wolgaster Peene-Werft – sondern auch der Meyer-Werft in Papenburg an der Ems und damit den Verlust vieler bisher sicher geglaubter Arbeitsplätze zur Folge haben würde. INSULA RUGIA wies vehement auf diese Folgen hin und unterstützte die gegen eine Meyer-Werft in Mukran protestierenden Umweltverbände unter anderem durch die Teilnahme am inzwischen legendären „Ostermarsch 1992“. Obwohl sich nach und nach herausstellte, dass Meyer den Werftstandort Mukran lediglich als Druckmittel ins Spiel gebracht hatte (mehrere Millionen D-Mark ließ er sich Papenburg und die dadurch notwendig werdende Emsvertiefung zu erpressen, genießt INSULA RUGIA in gewissen Kreisen seit dem den Ruf einer Vereinigung von Verhinderern.

 

Allerdings hat der Verband auch einiges verhindert, zum Beispiel im Herbst 1991 die Verunstaltung des altehrwürdigen und geschichtsträchtigen Burgwalls auf Arkona, den man mit allerlei Attraktionen bestücken und zum „Event-Area“ degradieren wollte und dem man bereits mit Baggern auf den Leib gerückt war. Vom Verband negativ beurteilt wurden auch mehrere Vorhaben, die die rügensche Landschaft irreparabel zu ihrem Nachteil verändert hätten: Errichtung einer Touristenstadt bei Vaschvitz am Rassower Strom, Bau eines Super-Hotels auf dem Hügel Warin am Südufer des Tetzitzer Sees und einer gigantischen Svantevit-Burg bei Swantow.

Ein Paradebeispiel dafür, wie sinnvoll und vernünftig die ablehnende Haltung gegenüber solchen, damals wie Pilze aus der Erde schießenden abstrusen Vorhaben war, ist der heute so viel gerühmte Park Pansevitz. Eine Investorengruppe beabsichtigte, den heruntergekommenen Park und die Ruine des weiland Krassowschen Schlosses für die Errichtung einer riesigen Ferienanlage mit fast 4.000 Beherbergungsplätzen, Reiterhof, Jagdhotel und diversen anderen Attraktionen zu nutzen. Angesichts der hohen landschaftsprägenden Qualitäten, die diese vernachlässigte Parkanlage immer noch hatte, entschloss sich der Verband zum Widerstand, zumal das Vorhaben als Vorreiter für viele andere gleichartige, die Landschaft der Insel radikal verändernde Anlagen angesehen werden musste. Am Palmsonntag des Jahres 1994 kam es während eines „Osterspazierganges“ von Verbandsmitgliedern durch den Pansevitzer Park zu einer Konfrontation mit für die Schaffung von Arbeitsplätzen in Pansevitz demonstrierenden Einwohnern der Gemeinde Kluis. Nur das besonnene Verhalten der INSULA-RUGIA-Leute verhinderte den Ausbruch von Tätlichkeiten. Immerhin gaben die großspurigen Investoren ihre Pansevitz-Pläne bald auf, INSULA RUGIA aber blieb dem Park verbunden. Das von der Allianz-Stiftung für Umwelt getragene und für die Landschaftspflege beispielhafte und erfolgreiche Großvorhaben „Revitalisierung des Naturraums Duwenbeek/ Lanzengraben“–es startete mit dem vom INSULA-RUGIA-Vorsitzenden und damaligen Landesumweltminister Frieder Jelen ausgeführten ersten Spatenstich am 4.März 1994 – umfasste nämlich auch die Wiederherstellung des Pansevitzer Parks. Mit Unterstützung der ehemaligen Eigentümer, der gräflichen Familie zu Inn- und Knyphausen, erwarb der Verband den Park von der BVVG Bodenverwertungs-und -verwaltungs GmbH und war seitdem für ihn verantwortlich. Intensive Pflegearbeit – hervorzuheben ist der selbstlose ehrenamtliche Einsatz Walter Ultzschs – machten die rekonstruierte Anlage im Laufe der Jahre zu einem der schönsten Parke im Lande und zu einem landschaftsgärtnerischen Kleinod. Freilich überstiegen die finanziellen Kosten und der erforderliche materielle Aufwand für die Unterhaltung des Parks bald die Kräfte und Möglichkeiten des Verbandes und belasteten ihn zunehmend. Mit der Gründung der Stiftung Schlosspark Pansevitz am 29.Juli 2007 und der Nutzung des Parks als „Friedwald“ wurde aber schließlich eine Lösung gefunden die den Kampf des Verbandes um Pansevitz erfolgreich abschloss.

Von weitreichender Bedeutung war 1993 die Aufnahme des Verbandes in das Bundesförderprogramm „Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft mit gesamtstaatlicher repräsentativer Bedeutung“. Nach einem Konzept von Dr. Hans Dieter Knapp wurde das Naturschutzgroßprojekt „Ostrügensche Bodden-landschaft“ erarbeitet und von dem eigens dazu ausgegründeten Landschaftspflegeverband Ostrügen in den Jahren 1994 bis 2007 unter der Leitung des Verbandsmitgliedes Dr. Bernd Rost als Geschäftsführer verwirklicht. Zu den herausragenden Ergebnissen dieses Projektes gehören neben anderen die Rekultivierung der durch militärische Nutzung weitgehend denaturierten Teile der Halbinsel Klein Zicker, die Renaturierung des Polders am Neuensiener See, die Wiederherrichtung des Waldparkes Semper und die Renaturierung des Schmachter Sees.

Kaum von der Öffentlichkeit beachtet, aber nicht weniger erfolgreich verlief eine von der Produktionsschulen ABPF GmbH und INSULA RUGIA gemeinsam getragene und auf drei Jahre berechnete Beschäftigungs- und Bildungs-maßnahme für langzeitarbeitslose junge Menschen, die bereits Arbeitslosen-und Sozialhilfe empfingen. Seit dem 1.August 1994 wurden jeweils zehn Jugendliche in drei Betrieben der Insel in den Bereichen Umweltsanierung, Rekultivierung landwirtschaftlicher Flächen und Wohnumfeldanierung eingesetzt und auf eine sinnvolle, auch gesellschaftliche Anerkennung findende Betätigung vorbereitet; die erforderlichen finanziellen Mittel flossen zum größten Teil aus dem Europäischen Sozialfonds. Die Aktion wurde von der Landesregierung nachdrücklich unterstützt.

Leider war nicht allen Verbandsinitiativen Erfolg beschieden. Angesichts der vielen ungelösten Probleme hinsichtlich des Umgangs mit der Hinterlassenschaft Prora – des monströsen „als Seebad der Zwanzigtausend“ von der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ konzipierten und zu DDR-Zeiten als Militärstandort genutzten Gebäudekomplexes auf der Schmalen Heide – lehnte INSULA RUGIA die immer wieder und von verschiedenen Seiten geforderte Umwandlung des Objekts in eine oder mehrere Anlagen für den Massentourismus ab. Die 4. ordentliche Mitgliederversammlung wandte sich mit einem Schreiben an Ministerpräsident Berndt Seite und bat ihn darin, sich dafür einzusetzen, dass ein realistischer Plan für die Zukunft Proras unter Berücksichtigung aller touristischen, wirtschaftlichen und die Landschaft mit ihrer Naturausstattung betreffenden Aspekte durch eine speziell dafür zu gründende Entwicklungsgesellschaft erarbeitet wird. Mit Unterstützung des Werkbundes, zu dem sich durch Vermittlung der Berliner INSULA-RUGIA-Ortsgruppe freundschaftliche Beziehungen entwickelt hatten, wurden sieben Thesen formuliert, die den Standpunkt des Verbandes zum Problem deutlich machten. Sie blieben von den zahlreichen sich um Prora bemühenden Projektemachern wie auch von den verantwortlichen Kommunalpolitikern gleichermaßen unbeachtet, der Planungswirrwarr und das Gezerre um die Zukunft Proras dauern bis heute an. Es ist hier nicht der Ort, die Gründe für die Ablehnung der auch aus heutiger Sicht als konstruktiv zu beurteilenden Vorschläge zu analysieren – Geltungsdrang, Vorteilsstreben, Lobbyismus und Kurzsichtigkeit bilden da eine unerquickliche Melange-aber es ist schon bitter zu sehen, wie oft offensichtliche Unvernunft den Sieg über das Vernünftige davonträgt.

Ruine KdF-Bad Prora

Ruine KdF-Bad Prora

ehem. KdF-Bad Prora

ehem. KdF-Bad Prora

So geschah es denn auch im Falle des von INSULA RUGIA angestrebten Rügenforums. Angeregt durch die guten Erfahrungen des uns bei der Formulierung der Prora-Thesen behilflichen Werkbundes mit einem „Berlin-Forum“, versuchte der Verband, auch auf Rügen ein solches Gremium ins Leben zu rufen: Eine periodisch tagende, nach sogenannten Bänken gegliederte Versammlung von Entscheidern mit dem Ziel, für alle die Entwicklung der Insel berührenden Vorhaben eine auf dem Konsens aller Beteiligten beruhende Lösung zu finden. Die so entstandenen Lösungsvorschläge wären dann freilich keine verbindlichen Vorgaben gewesen, Investoren und Planer hätten sie aber in irgendeiner Form zur Kenntnis nehmen und berücksichtigen müssen. Nach anfänglichem Interesse alle r Angesprochenen bekam der Verband aber bald heftigen Gegenwind zu spüren und zwar nicht nur–wie zu erwarten gewesen wäre–aus Kreisen der Wirtschaft, sondern auch aus der Politik, die INSULA RUGIA allen Ernstes vorwarf, eine Art Neben- oder sogar Gegenregierung bilden zu wollen. Die Vernunft blieb wieder einmal auf der Strecke, das Rügen-Forum blieb ein Wunschtraum.

Ein solcher blieb auch die Etablierung eines „ Rügenhauses“ m mit angeschlossenem Umweltzentrum als Bleibe des Verbandes. Die Geschäftsstelle siedelte noch 1990 vom Jagdschloss vorübergehend nach Juliusruh um, war dann von Oktober 1991 bis 1994 im sogenannten Stabsgebäude in Prora untergebracht, zog dann in das „Haus der Dienste“ in Bergen-Süd und schließlich 1996 in das Bergener „City-Center“, wo sie heute über einen knapp 30 Quadratmeter großen Büroraum und eine winzige „Afsiet“ verfügt Jahrelangen Anstrengungen zum Trotz fand sich jedoch kein geignetes Objekt; der Ausbau aller ins Auge gefassten Immobilien–wie der denkmalgeschützte alte Speicher des ehemaligen Gutes Lanckensburg – hätte die finanziellen Möglichkeiten des Verbandes weit überfordert.

Das Fehlen eines eigentlichen Verbandszentrums erschwerte in gewisser Weise natürlich auch das Verbandsleben, zumal die Mitgliederstruktur des Verbandes von Anfang an eine recht eigentümliche war und noch ist. Ursprünglich war INSULA RUGIA als Instrument zur Bündelung von Bestrebungen gleichgesinnter Menschen gedacht, wurde aber zusehends zu einem Sammelbecken für Rügenfreunde aus ganz Deutschland, in dem die Inselbewohner bis in die jüngste Zeit in der Minderzahl waren. Dazu hatte vor allem die bereits erwähnte Fernsehreportage Dieter Wielands beigetragen, die eine regelrechte Eintrittsflut zur Folge hatte. Das war höchst erfreulich, erschwerte aber die Verbandsarbeit; denn die Kommunikation der Mitglieder untereinander und mit dem Vorstand war kompliziert und aufwändig. Der „KreideKreis“ wurde dabei zu einem ebenso unverzichtbaren Mittel wie die Verbandsabende, an denen freilich in der Regel fast nur Rügener und gelegentlich auch Stralsunder Mitglieder teilnehmen konnten. Unter den um 1993/1994 etwa 400 Verbandsmitgliedern gab es natürlich auch solche, die sich das alles ganz anders vorgestellt und vielleicht eine Art kuscheligen Heimatvereins erwartet hatten, und einigen waren Zielstellung und Aktivitäten des Verbandes entweder zu radikal oder zu lau. Sie verließen den Verein nach und nach, so dass sich im Laufe der Jahre ein treuer Kern von etwa 250 Mitgliedern herauskristallisierte, der inzwischen aus biologischen Gründen auf rund 150 Mitglieder geschrumpft ist. Leider gab es auch Fälle, in denen sich verdienstvolle Mitstreiter aus den ersten Jahren in Unfrieden von INSULA RUGIA trennten. Dies geschah zum Teil aus Gründen, die mit der kritischen Haltung des Vorstandes gegenüber der Arbeit der damaligen Leitung des Biosphärenreservates Südost-Rügen zusammenhingen (Joachim Kleinke), zum Teil aus politisch-ideologischen (Dr. Jörg Wendt) oder rein persönlichen Günden (Axel von der Lancken). Anders lagen die Dinge bei Franz [von Veltheim Herr] zu Putbus. Der Nachkomme des rügenschen Uradelsgeschlechtes war Gründungsmitglied des Verbandes und von der 1. ordentlichen Mitgliederversammlung zum Ehrenvorsitzenden gewählt worden. Der Vorstand hatte ihn bei seinen Bemühungen unterstützt, auf Rügen ein Domizil für seine Familie zu finden, musste dann aber bedauernd feststellen, dass Franz zu Putbus darüber hinaus bestrebt war, mit teilweise bedenklichen Methoden den etwa ein Sechstel des Inselterritoriums umfassenden Grundbesitz derer zu Putbus zurückzugewinnen beziehungsweise zu seinen Gunsten zu vermarkten. Auf Beschluss der Mitgliederversammlung wurde ihm 1994 der Ehrenvorsitz aberkannt, seine Mitgliedschaft erlosch nicht durch förmlichen Austritt, sondern weil er seinen Mitgliedsbeitrag nicht mehr entrichtete.

Alles in allem konnte INSULA RUGIAim Rahmen der 10. ordentlichen Mitgliederversammlung am 20. Mai 2000 auf zehn Jahre erfolgreicherVerbandsarbeit zurückblicken. DerVerband hatte sich aktiv mit zahlreichen Unternehmungen und Einsätzen an der Entwicklung der Insel im Sinne seiner Verbandsziele beteiligt, Gedanken zu einem Energiekonzept und zu einem Verkehrskonzept unterbreitet und mit Überlegungen zum „Gesundheitstourismus“ ein gerade heute aktuelles Thema zur Sprache gebracht, hatte im Streit verschiedener Interessen um den richtigen Weg Rügens in die Zukunft zu vermitteln versucht und hatte nicht zuletzt mit dem Rügen-Journal ein Periodikum auf den Markt gebracht, das die natürlichen, historischen und kulturhistorischen Besonderheiten der Insel in exemplarischer Weise darstellt und würdigt.Aber es war auch bezeichnend, dass das Jubiläum nicht mit Selbstbeweihräucherung und selbstzufriedener Nabelschau begangen wurde, sondern mit einer selbstkritischen, den Weg in die Zukunft des Verbandes weisenden Standortbestimmung.Besonders deutlich kam das in den Festvorträgen von Walter G. Goes („Aspekte der kulturellen Situation auf der Insel Rügen“), Dr. Hans Dieter Knapp („Naturschutz auf Rügen“) und Rolf Kammann („Rückblick und Standortbestimmung: Entwicklung der letzten zehn Jahre“) zumAusdruck.

Das erste Jahrzehnt Verbandsgeschichte INSULA RUGIA endete mit einem festlichen Konzert in der Kirche zu Vilmnitz.

Das zweite Jahrzehnt

Mit dem Ende des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung endete auch dieSturm –und Drangzeit des Verbandes INSULA RUGIA. Die demokratischen Strukturen im Land und im Landkreis hatten sich gefestigt. Die Zeit spektakulärer Aktionen war vorüber. Für den Verband begann ein seine Aktivitäten fortan bestimmendes zähes Ringen um den Schutz der rügenschen Landschaft. Kreise der Wirtschaft sowie viele Kommunalpolitiker forderten nämlich – obwohl sie nicht müde wurden, gleichzeitig die landschaftlichen Schönheiten Rügens als das eigentliche Kapital der Insel zu preisen – immer nachdrücklicher den Ausbau bestehender und die Errichtung neuer Gewerbe- und Industriestandorte, Verkehrseinrichtungen, Ferienhaussiedlungen und touristischer Attraktionen; Rügen müsse gleichermaßen industrialisiert wie flächendeckend dem Tourismus erschlossen und vermarktet werden. Da diese Ziele in erster Linie mit dem Argument derSchaffung von Arbeitsplätzen begründet werden, finden sie bei großen Teilen der Bevölkerung Verständnis und Unterstützung. „Selbsternannte Naturschützer“ gelten als notorische Verhinderer des wirtschaftlichen Aufschwungs und werden als solche diffamiert. „Wie lange können wir uns den Luxus Naturschutz noch leisten?“ wurde in einem in der Lokalpresse veröffentlichten Pamphlet gefragt.

INSULA RUGIA blieb auch unter diesen Bedingungen den Verbandszielen treu, vertrat klare Standpunkte und versuchte trotz aller Widrigkeiten vermittelnd zu wirken. Das war nicht ganz einfach, denn es bedurfte neuer, der Situation angepasster Überlegungen und Strategien. Dieser Aufgabe musste sich ein neuer, von der 11.ordentlichen Mitgliederversammlung am 20 Oktober 2001 gewählter Vorstand stellen, dem Dr. Hans Dieter Knapp als Vorsitzender angehörte. Frieder Jelen, der im Landkreis Demmin Landrat geworden war , wurde Ehrenvorsitzender des Verbandes. Als Nachfolger des seit Oktober 1992 außerordentlich erfolgreich amtierenden Geschäftsführers Diethard Pfeifer übernahm Dr. Peter Meißner dieses Amt. Das war mit einigen Beschwerlichkeiten verbunden, denn, wie bereits erwähnt, musste die mit hauptamtlichen Mitarbeitern besetzte Geschäftsstelle der INSULA-RUGIA-Beschäftigungsgesellschaft, die bis her auch die Aufgaben einer Geschäftsstelle für den Verband wahrgenommen hatte, aufgrund neuer gesetzlicher Regelungen am 30. Juni 2002 die Arbeit einstellen. Die Verbandsarbeit war nunmehr ganz und gar auf ehrenamtliche Tätigkeit gestellt.

Als ersten Schritt unternahm der neue Vorstand den Versuch, in einem Gespräch mit anderen im Landkreis  wirkenden Verbänden oder Vereinen auszuloten, wo es Berührungspunkte, übereinstimmende Ziele und gleiche Interessen gibt und die unterschiedlichen und spezifischen Schwerpunkte der Arbeit in diesen Vereinigungen liegen. Das Ziel dieser Initiative, nämliche bestehende Polarisierungen zu entschärfen, Potential für Synergien herauszuarbeiten und zu nutzen sowie Zusammenarbeit zu pflegen, wo es einer ausgewogenen und verträglichen Entwicklung Rügens nutzt, konnte unter den beschriebenen Voraussetzungen allerdings auch nach mehreren in den Folgejahren stattfindenden entsprechenden Gesprächsrunden nur in Ansätzen erreicht werden. INSULA RUGIA versuchte deshalb, zumindest in Einzelfällen einen möglichst breiten Konsens zu erzielen und veranstaltete zu diesem Zweck regelmäßig öffentliche, der Meinungsbildung dienen sollende Verbandsabende zu brisanten aktuellen Themen, unter anderem zum Zustand und zur Zukunft der Rügener Alleen, zum Kies- und Kreideabbau in sensiblen Landschaftsteilen, zur Bodendenkmalspflege, zu Problemen des Natur- und Landschaftsschutzes und zum Problem der kulturellen Identität Rügens.

Die im Rahmen dieser Verbandsabende geführten Diskussionen offenbarten in der Regel gegensätzliche Standpunkte zu den jeweiligen Themen, zu einer Annäherung der unterschiedlichen Meinungen kam es nur in wenigen Fällen. Besonders heftig umstritten waren und sind die Bemühungen der Umweltverbände und von INSULA RUGIA sowie – ingewissenGrenzen – auch des Tourismusverbandes um den Schutz der rügenschen Landschaft vor zunehmendem Landschaftsverbrauch, vor Zerstörung ihrer Naturausstattung, vor entstellenden Eingriffen in das Landschaftsbild und vor fortschreitender Versiegelung der Flächen. Mehrere Gemeinde-vertretungen und vor allem Wirtschaftskreise – allen voran die Sektion Rügen des Wirtschaftsrates der CDU – haben sich längst als strikte Gegner dieser Bemühungen positioniert, verweigern sich allen vernünftigen Kompromissen und schrecken selbst vor reichlich geschmacklosen Schmähungen Andersdenkender nicht zurück.

Das alles begann bereits 1996 mit einer von CDU-Politikern initiierten Unterschriftenaktion gegen den von der Landkreisverwaltung im Oktober 1995 vorgelegten und von INSULA RUGIA mitgetragenen Entwurf für ein Landschaftsschutzgebiet Rügen, bei der sich innerhalb weniger Tage fast 10.000 Rüganer mit ihrer Unterschrift gegen weitere Maßnahmen des Landschafts- und Naturschutzes aussprachen; man hatte ihnen weisgemacht, Natur- und Landschaftsschutz seien gleichzusetzen mit Arbeitslosigkeit, Rückgang der Touristen-zahlen, Abwanderung der Besten und Verarmung. Auf der Grundlage dieses Votums gelang es zwei Rügener Landtagsabgeordneten sogar, die Aufnahme des Rechts der Verbandsklage in den Entwurf des Landesnatur-schutzgesetzes zu verhindern. Solche Politik trug Früchte: der Kreistag stimmte am 10. Dezember 1998 gegen die überarbeitete Landschaftsschutzgebietsverordnung, die Landkreisverwaltung lehnte ein Jahr später auch die Anwendung der sogenannten Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU in der vorliegenden Form auf Rügen ab.

Der Verband INSULA RUGIA wollte und konnte diese scheinbar – und wirklich nur scheinbar! –demokratisch legitimierte Niederschlagung seiner Bemühungen um den inzwischen angesichts eingetretener Beschädigungen immer dringender werdenden Schutz der Landschaft nicht hinnehmen. Auf einem Verbandsabend in Groß Schoritz brachte er am 18. März 2002 das Thema Landschafts- und Naturschutz erneut in die öffentliche Diskussion ein und bat die Landrätin und den Kreistag sowie den Landesumweltminister, den seit 1990 diskutierten „Naturpark Rügen“ zu deklarieren und mit Leben zu erfüllen. Er startete eine von der Europäischen Gemeinschaftsinitiative LEADER+ geförderte „Informationskampagne Naturpark“, mit der er zeigen wollte, dass der Naturpark kein Weg zurück in die Steinzeit, sondern in einer komplizierter werdenden Welt vielmehr ein Garant für Stabilität und Zukunftsperspektive ist. Die im Rahmen dieser Kampagne durchgeführten Informationsveranstaltungen, auf denen auch mehrere Leiter bereits bestehender Naturparke über ihre Erfahrungen berichteten, waren durchweg von hoher fachlicher Qualität und von sachlicher Diskussion geprägt; die Naturparkidee fand in der Regel das allgemeine Interesse der Teilnehmer. Geteilt dagegen war die Reaktion der Abgeordneten des Kreistages, denen am 30. September 2004 die vom Verband gewonnenen Naturparkexperten Dieter Popp und Marco Schank (letzterer aus Luxemburg) die Naturparkproblematik und ihre Vorzüge aus wirtschaftlicher Sicht sachlich erläuterten konnten; denn die insbesondere von der Sektion Rügen des Wirtschaftsrates der CDU propagierte Auffassung, mit der Einrichtung eines Naturparkes auf der Insel Rügen käme auf das Land und auf den Landkreis eine „Kostenlawine“ mit ausschließlich nachteiligen Folgen für die Entwicklung Rügens zu, setzte sich weitgehend durch. Folgerichtig untersagte der Kreistag auf Antrag der CDU-und der FDP-Fraktion mit einer Stimme Mehrheit der Landrätin mit- samt ihrer Verwaltung jegliche weitere Beschäftigung mit dem Thema Naturpark. Der Verband INSULA RUGIA und mit ihm die Vernunft hatten eine Schlacht verloren.

Aber eben nur eine Schlacht und nicht Mut und Zuversicht, das Ziel dennoch zu erreichen. Der Verbandsvorsitzende formulierte das im „KreideKreis“ vom Januar 1995 so: „Totgesagte leben länger – Naturpark Rügen lebt“. Entwicklungen in jüngster Zeit berechtigen durchaus zu solcherart Hoffnung. Im Zusammenhang mit den Planungen zum Bau der Schnellstraße B 96n zwischen Altefähr und Bergen sah sich die Landrätin veranlasst, zwei neue Landschaftsschutzgebiete festzusetzen, nämlich das LSG „West-Rügen“ (März 2009) und das LSG „Südwest-Rügen-Zudar“ (Januar 2010). Nicht unrealistisch scheinen zudem die Bemühungen zu sein, das seit 1990 bestehende Biosphärenreservat Südost-Rügen entsprechend den Vorgaben der UNESCO zu erweitern, zumal die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) ein 19 Quadratkilometer großes Areal am Kleinen Jasmunder Bodden als Nationales Naturerbe ausweisen möchte. Der Verband INSULA RUGIA, der nach den Zerwürfnissen mit der Biosphärenreservatsleitung in den 1990er Jahren auf der Grundlage einer am 5. Mai 2008 abgeschlossenen Kooperationsvereinbarung eine nun wieder enge Zusammenarbeit aufgenommen hat, unterstützt diese Bestrebungen nachdrücklich – auch mit dem Ziel, dem Naturpark Rügen wieder einen Schritt näher zu kommen.

Etwa gleichzeitig mit der Naturpark-Informationskampagne betrieb der Verband übrigens ein ebenfalls von LEADER+ gefördertes und in Zusammenhang mit der bereits erwähnten Überführung des Parkes Pansevitz in eine Stiftung stehendes Projekt, mit dem Voraussetzungen geklärt und Wege aufgezeigt werden sollten, wie eine kulturelle Vernetzung und Aufwertung ländlicher Parkanlagen auf Rügen erfolgen könnte. Auf der Grundlage der als Ergebnis dieser Untersuchungen erarbeiteten Machbarkeitsstudie entstand schließlich der Verein ParkkulturRügen e.V., der heute bereits auf mehrere Jahre erfolgreicher Arbeit zurückblicken kann und im Kulturleben der Insel eine vielbeachtete Rolle spielt.

Angesichts der vielen Dinge und Vorgänge, die er mehr oder weniger erfolgreich ins Rollen gebracht und der zahlreichen Projekte, die er er folgreich abgeschlossen hat, wirkt es schon befremdlich, dass der Verband INSULA RUGIA von bestimmten Leuten gegen besseres Wissen in der Öffentlichkeit immer wieder als Vereinigung von Verhinderern apostrophiert wird. Sie beziehen sich dabei auf die kritische bis ablehnende Haltung des Verbandes zu Vorhaben wie den geplanten Kiesabbau bei Zessin, zu dem sowohl verkehrstechnisch als auch ökologisch bedenklichen Bau der Schnellstraße B 96n zwischen Altefähr und Bergen, zur Errichtung eines Delfinariums in Glowe und eines Affenparks in Tilzow, zum Bau eines 1.600 MW- Steinkohlekraftwerkes in Lubmin am Südufer des Greifswalder Boddens, zur geradezu sakrilegischen Umwandlung des Hügellandes zwischen Seedorf und Moritzdorf in einen Golfplatz, zum Bau eines Yachthafens am Göhrener Südstrand und zu anderen höchst fragwürdigen Projekten. Und sie ignorieren fast grundsätzlich die den entsprechenden Stellungnahmen in allen Fällen zu Grunde liegende sorgfältige und differenzierte Analyse der Auswirkungen auf die Landschaft und die Natur sowie der wirtschaftlichen und ökologischen Folgen für die Entwicklung der Insel.

Als bisheriges Fazit bleibt: Der Verband hat viel auf den Weg gebracht, hat Freunde gewonnen und verloren, hat sich erbitterte Feinde gemacht, hat Fehler begangen und bekennt das auch, ist sich und seinen Zielen und Grundsätzen treu geblieben und darf sich getrost als das Gute Gewissen Rügens fühlen. Wenn das nicht gute Voraussetzungen für ein weiteres erfolgreiches Wirken sind.